Wahlerfolg für alle!

By kielerjung

Es ist schon seltsam, was man manchmal so zu hören kriegt … Schön zu sehen in diesem Fall bei der heutigen Wahl zur Hamburger Bürgerschaft. Wahlen sind ja sowieso immer eine Sache für sich. Da hat man ja zum Beispiel häufiger mal das Gefühl, dass gewisse Politiker alles, was sie vor der Wahl gesagt haben, ganz plötzlich vergessen haben und nichts so ist, wie vorher. Es scheint so, als ob sie eine spontane Erleuchtung gehabt hätten, die sie alles in einem anderen – und meist genau entgegengesetzten – Licht sehen lässt. Gut, bevor mir hier akute Naivität vorgeworfen wird, sollte ich wohl darauf hinweisen, dass ich natürlich weiß, dass dem nicht wirklich so ist. Aber der Eindruck drängt sich einem doch unfreiwillig auf. Nun war ich aber gerade heute ganz besonders verwundert …

Da schalte ich doch nichtsahnend den Fernseher an und schon flimmert mir das wohlbekannte Bild der Tagesschau entgegen. Marc Bator, der Schwiegermutters-Liebling-Typ (Dabei fällt mir gerade ein: gehts Euch auch so, dass mit einem Nachrichtensprecher nie richtig zufrieden seid, also in dem Sinne, dass Euch etwas an ihm oder auch ihr stört? Klingt wohl ein bisschen seltsam, schon klar. Aber ist nunmal bei mir so … Naja, was mich an Herrn Bator stört, könnt Ihr Euch jetzt wohl denken …) verkündet gerade die vorläufigen, wenn auch nur auf Stichproben beruhenden, Ergebnisse der Bürgerschaftswahl und gibt nach dem üblichen Wesentlichen noch zusätzlich Erhellendes bekannt: „Alle Parteien sehen das Ergebnis der Hamburg-Wahl als Erfolg“ – Aha. Interessant. Schön eigentlich, alle sind zufrieden, möchte man meinen. Jaja, klingt gut – die Betonung liegt auf „klingt“. Denn der Satz wird bei genauerer Betrachtung erstaunlich sinnfrei. Und zwar in zweierlei Hinsicht – Erstens, um damit mal zu den konkreten Ergebnissen zu kommen: die CDU hat so einige Prozent verloren. Klar, nun kann man natürlich sagen: Die CDU ist aber nichtsdestotrotz nachwievor die stärkste Kraft. Ja, stimmt schon. Aber ist das nicht ein zweifelhafter Sieg, wenn man in der Wählergunst deutlich an Zustimmung verliert? Ich denke schon. Auch die Grünen haben merklich verloren. Immerhin mehr als zwei Prozent, was in den Verhältnissen einer kleineren Partei schon gewichtig ist. Gleichwohl gibt es aber auch Parteien, die ein wirklich erfolgreiches Ergebnis eingefahren haben. Beispielsweise die Linke, die zum ersten Mal in der Bürgerschaft vertreten sind. Unter Umständen kann man allerdings auch der SPD einen Erfolg zusprechen. Im Vergleich zur letzten Wahl hat auch sie an Prozenten gewonnen und steht jetzt wieder höher in der Wählergunst. Also schon mal nicht durch die Bank „Erfolge“, wie so wollmundig verkündet … Aber nun – Zweitens: Es kann auch rein rechnerisch gar nicht sein, dass alle Parteien erfolgreich sind, sich also im Ergebnis verbessern – denn nur das würde ich als „Wahlerfolg“ sehen. Wenn eine Partei mehr Stimmen hat als vorher, dann muss eine andere gleichzeitig weniger haben. So ist das mit der Mathematik und so einfach ist das. – Also, vom allgemeinen Erfolg bleibt nicht mehr viel übrig.

Nun muss man sich fragen: Was sagt uns das ganze? Dass unsere Politiker nicht rechnen können? – Vielleicht. – Dass sie, als ihre Wahl-Erleuchtung gehabt haben, ihren gesunden Menschenverstand gleich mit ausgewechselt haben? – Kann, schon sein. Den Anschein macht es jedenfalls manchmal. Aber vielleicht vielleicht kann man die Sache auch differenzierter betrachten. Es macht natürlich auch in den Augen eines Politikers Sinn, eigentliche Niederlagen schönzureden. Man will ja das Beste aus der Situation machen und dem politischen Gegner gleichzeitig keine Gelegenheit geben, die eigene Schwäche auszunutzen. Ist schon verständlich. Aber ist das wirklich vernünftig? Wollen wir so etwas wirklich? Würde nicht vielleicht echte Ehrlichkeit auf den Wähler viel überzeugender wirken als jede noch so geschliffene Beschönigung? Ich denke, dass würde sie. Man müsste es nur mal versuchen. Und daran scheitert es. Die oft genug vorhandene Geltungssucht eines Politikers verbietet es ihm, ehrlich zu sein und Fehler sowie Misserfolge einzugestehen. Und so hilft vielen Politikern wahrscheinlich jeder gut gemeinte Zwischenruf nicht. Sie werden weiter ihr Paradigma vertreten: „Wahlerfolg für alle!“

… Und damit bis zum nächsten Mal …

Schlagworte: ,

Eine Antwort zu „Wahlerfolg für alle!“

  1. skriptum sagt:

    Wenn ich mir diese Aneinanderreihung von Wahlergebnis-Schlappen ansehe, könnte ich mich kaputt lachen … wenn es nicht so traurig wäre. Immerhin sind keine rechtsradikalen Gruppierungen an die leider nicht nur sprichwörtliche Macht gekommen. Noch nicht. Aber einen ordentlichen Ruck gibt es gerade durch die Linken. Ein Zeichen dafür, dass die sog. etablierten Parteien sich langsam doch mal in Bewegung setzen müssten, um nicht mehr nur für sich zu agieren, sondern ihren Bezeichnungen als „Volksvertreter“ gerecht zu werden?

    Vielleicht.

Eine Antwort schreiben