Kant’sche Aufklärung … „Was war damit noch?“, denkt wahrscheinlich der eine oder andere jetzt,“Da war doch irgend son bekannter Text …“ – Ganz genau. „Was ist Aufklärung?“ nämlich. Diesen Text dürften wohl einige irgendwann mal im Deutsch- oder Philosophieunterricht behandelt haben. Eine Art Klassiker also. Und was war noch das altbekannte Problem mit Klassikern? – Richtig, sie sind in der Mehrzahl antiquiert und man ist geneigt, sie am liebsten in der Mottenkiste verschwinden zu lassen. Oder? Diese fixe Idee habe ich jedenfalls manchmal … Ja, warum schreibe ich denn jetzt aber überhaupt darüber, wenn Klassiker uns doch nichts mehr zu sagen haben? – Das ist der Punkt: Sie haben es nämlich. Nun ja, manche vielleicht mehr als andere, um das mal ein bisschen zu relativieren …

Aber nun zum Eigentlichen: Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ beschäftigt sich (… zum Einen natürlich mit der titelgebenden Frage, aber eben nicht nur …) irgendwann damit, wie man den „Mündigkeitsstatus“ (den Begriff habe ich mir gerade selbst ausgedacht, aber ich finde er passt) großer Teile der Gesellschaft einstufen soll. Kant findet nämlich, dass diese größtenteils unmündig sind und sich nicht selbst ihres Verstandes bemächtigen. Also nicht von sich aus ihren Kopf benutzen und nachdenken. Eigentlich eine fatale Einschätzung, der Bevölkerung in der Mehrheit ihre geistige Mündigkeit abzusprechen. Aber Kant hat dennoch wohl nicht unrecht, wenn man die zeitlichen Umstände berücksichtigt … Nun und was jetzt? Wo bleibt der Bezug zur heutigen Zeit? – Der kommt jetzt. Denn heute sind die Verhältnisse mitnichten völlig anders, wie man vielleicht vorschnell denken könnte. Wir leben in Zeiten zunehmenden politschen Desinteresses und Freizeitvergnügungen locken uns mehr als Wissenschaft und Staatsangelegenheiten. Das ist wohl auch nachvollziehbar, denn es ist ja viel bequemer, die ernsten Dinge des Lebens völlig auszuklammern, sich selbst zurückzulegen und andere für sich die „Unannehmlichkeiten“ des Staates etc. erledigen zu lassen. So denken viele heutzutage – leider. Aber ist das gut? Gut für die Allgemeinheit? – Kurz gedacht wohl schon: man selbst muss sich nicht mit Problemen belasten und hat Zeit für die angenehmen Seiten des Leben, wie oben schon genannt. Aber wenn man in größeren Zusammenhängen denkt, sicher nicht. Denn man muss sich die potentiellen Folgen des Desinteresses vor Augen führen. Wie leicht kann doch beispielsweise ein skrupelloser Machtpolitiker in einer Gesellschaft, der die Politik sonstwo vorbei geht, Fuß im Staat fassen und fast ganz ohne Gegenwehr walten wie er will. Und schon ist die potentiell vom Gesetz her vorhandene Mündigkeit des Bürgers einkassiert. Man stelle sich das mal überspitzt aber konkret vor: Ein Agitator-Typ namens „Hilter“ kommt vorbei (Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen könnten durchaus beabsichtigt sein), mobilisiert seine tumbe Meute, die zwar eigentlich ebenso unmündig wie der Rest der Bevölkerung ist, mit dem Unterschied, dass sie das aktive Wahlrecht wirklich nutzt, wird zum Regierungschef mit überwältigender Mehrheit und baut munter die Bürgerrechte ab – ohne das jemand groß Anstoß an seinen Hetzreden und radikalen Positionen genommen hätte und aktiv gegen ihn vorgegangen wäre. Dumm gelaufen. So weit die politische Komponente. Aber ebenso lässt sich das Phänomen auf die Wissenschaft oder auch die Religion übertragen. Einer denkt und stellt vielleicht noch so falsche wissenschaftliche oder religiöse Thesen auf und der Rest ist zu faul, selbst nachzudenken und den absoluten Schwachsinn dieser Thesen zu erkennen und übernimmt diese Thesen stattdessen und macht sie zur eigenen Überzeugung. Das wäre fatal und wir wären plötzlich wieder im geistigen Mittelalter, als die gesamte abendländische Welt unreflektierten religiösen Dogmen hinterherlief und deswegen ordentlich Blut vergossen hat.
Also, das wollen wir wohl nicht. Ich gebe zwar zu, dass meine Beispiele etwas sehr einfach waren und das Problem einfach möglichst plakativ darstellen sollten. Aber das Grundlegende stimmt mit der heutigen Situation überein. Das sehen wir schon daran, dass beispielsweise einem Großteil der Bevölkerung Deutschlands die eigenen Bürgerrechte anscheinend ziemlich egal sind und er sich nicht daran stört, dass ein gewisser (offenbar nicht nur körperlich geschädigter) Herr Schäuble diese nicht unerheblich einschränkt. Daher will ich gerne wie Herr Kant annodazumal fordern: „Sapere aude!“
… Und damit ist Schluss für heute …
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