Es kommt oft genug vor, dass ich mir Gedanken über Politik und politische Theorien mache. Dabei überlege ich auch häufig, inwieweit unser Schubladendenken und unsere vereinfachende Einordnung von politischen Positionen in plakativ betitelte Bereiche sinnvoll ist. Insbesondere finde ich den Gebrauch des Prädikats „konservativ“ unpräzise und teilweise sogar inflationär. Dazu möchte ich Euch ein kleines Zitat des US-amerikanischen Journalisten Ambrose Pierce (1842-1914) als Aufmacher geben.
„Radikalismus: der Konservativismus von morgen als Injektion in die Angelegenheiten von heute.“
Meiner persönlichen Interpretation nach sagt Pierce damit, dass Konservativismus zeitbezogen ist, man also nicht von „der“ generellen konservativen Einstellung sprechen kann. Nun finde ich allerdings, dass auch Pierce, obwohl er etwas zentrales und wichtiges sagt, zu kurz greift. Ich stimme Pierce zwar in dem Punkt mit der zeitbezogenen Komponente zwar voll und ganz zu, aber er scheint dennoch der Auffassung zu sein, dass man immerhin von „dem“ Konservativismus sprechen kann. Ich hingegen denke, dass Konservativismus ein dualer Begriff ist. Es gibt sowohl politischen Konservativismus als auch Werte-Konservativismus. Ersterer setzt sich für die Beibehaltung der aktuellen politischen Verhältnisse ein, letzterer propagiert traditionelle moralische Ansichten.

Dass zwischen beidem ein wirklicher Unterschied besteht, möchte ich an einem Beispiel deutlich machen. Ich persönlich halte zum Beispiel große Teile der Grünen, nämlich den emanzipatorischen Flügel, für politisch konservativ, da er die entsprechenden Ansichten in Zeiten, in denen wir eigentlich ein Frauen und Männer gleichberechtigendes Recht haben, vehement propagiert und verteidigt. Er setzt sich für die Sicherung der jetzigen Verhältnisse ein. Dennoch kann man den emanzipatorischen Flügel der Grünen nicht als wertkonservativ bezeichnen, da seine Überzeugungen noch mitnichten als traditionell anzusehen sind. Allerdings wird man sie vielleicht wiederum in 50 Jahren traditionell nennen, wenn die jetzige gleichberechtigende Auffassung von Mann und Frau fest in das Bewusstsein der Gesellschaft eingegangen ist, sich die Bedeutung von „traditionell“ in diesem Bereich also geändert hat.
Nun wäre ich sehr gespannt, ob Ihr das genauso seht wie ich oder eben anders …
Schlagworte: Gesellschaft, Politik