Archiv für März 2008

Umfallen zur präventiven Schadensbegrenzung

7März2008

Andrea Ypsilanti stellt sich am 5. April nicht zur Wahl. Sie hat Angst, dass sie das gleiche Schicksal ereilen könnte wie „meine“ ehemalige Landesmutter Heide Simonis, der es am 17. März 2005 auch im vierten Wahlgang zur Wahl des Ministerpräsidenten, bzw. in dem Fall -Präsidentin, nicht gelang, eine Mehrheit von Stimmen auf sich zu vereinigen, weil ein bis heute nicht klar identifiziertes Mitglied der SPD-Fraktion ihr ein ums andere Mal die Unterstützung verweigerte.

Frau Ypsilantis Angst ist nicht unbegründet. Wer ein solches relatives Wagnis wie eine von der Linken tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung anstrebt, muss mit Kontrastimmen aus den eigenen Reihen rechnen. Nun hatte Andrea im Gegensatz zu Heide allerdings noch so viel Glück, dass sich wenigstens eine potentielle Abweichlerin schon vorher zu Wort gemeldet hat … Das heißt allerdings nicht, dass da nicht noch mehr hätte kommen können. Wer weiß, was am 5. April passiert wäre, wenn dem nicht so gewesen wäre. Spräche man dann vielleicht nicht mehr vom „Heide-Mörder“, sondern von „den Ypsilanti-Schlachtern“? – Kann schon sein. Jedenfalls kann man ihre Aktion glaube ich gut nachvollziehen – jedenfalls auf der menschlichen Seite …

Aber: Die ganze Sache hat mehr als nur menschlich-emotionale Fassetten. Politik ist eine Sache, in der deutlich mehr auf dem Spiel steht, als nur das mentale Wohlbefinden von Einzelpersonen. Klar, eine heftige Wahlschlappe hätte mehr bedeutet. Auch politisch hätte die Sache wahrscheinlich Folgen gehabt – zum Beispiel einen massiven Stimmungsabfall für die SPD, die ja sowieso schon mit einer inkonsequenten Parteilinie behaftet ist. Trotzdem: So, wie die Angelegenheit jetzt gelaufen ist, kann ich Frau Ypsilanti und der Hessen-SPD eigentlich nur Feigheit vorwerfen – „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Da ist was Wahres dran. Wie kann man schon im Voraus einer politische Konstellation das Potential zum Scheitern prophezeien? – Denn nichts anderes ist Frau Ypsilantis Entscheidung ja.

So hat sie in meinen Augen ihre Wahlversprechen am deutlichsten gebrochen. Wer resigniert und dem politischen Gegner kampflos das Feld überlässt, hat seine Ziele vollends über den Haufen geworfen und gezeigt, dass ihm an deren Verwirklichung nicht wirklich viel liegen kann. Frau Ypsilanti geht aus eigenen Stücken in die Opposition und da gehört sie meiner derzeitigen Meinung nach auch hin.

Glaubensfreiheit abgesagt oder 10 Euro für die Überzeugung

4März2008

Zum Einstieg zwei Wahrheiten über mich:

1. Wahrheit: Ich bin überzeugter Atheist.

2. Wahrheit: Ich bin getauft und vor gar nicht allzu langer Zeit konfirmiert worden.

Nun mag man fragen: Wie passt das zusammen? – Ganz einfach: Ich habe in der Zeit zwischen meiner Konfirmation bis heute meine Meinung über Gott, Religion und Kirche radikal geändert. Ich war zwar damals nicht gerade ein christlicher Fundamentalist, aber ich war doch der Ansicht, dass es da oben etwas geben muss, was wir mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht erklären können … Das sehe ich jetzt eindeutig nicht mehr so. Eben, weil wir einen Gott mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht erklären können und die Vorstellung zudem in meinen Augen hochgradig unwahrscheinlich ist, habe ich mich vom Glauben an Gott abgewandt. Mein Denken ist allgemein rationaler und kritischer geworden, was ich nur nachvollziehbar finde. So ist man doch in dem Alter, in dem man konfirmiert wird, doch noch recht jung und mitten in der Pubertät … Und nach dieser Phase kann sich ja bekanntlich noch einiges im eigenen Wesen ändern. Deswegen finde ich dieses Alter eigentlich auch nicht optimal, wenn es darum geht, über die eigenen Religionszugehörigkeit, die ja auch eine längerfristige Sache sein soll, zu entscheiden – Aber das alles nur am Rande …

Nun bietet es sich ja an, wenn man überzeugter Atheist ist, dass man irgendwann aus der Kirche, mit der man sich ja eigentlich überhaupt nicht mehr identifizieren kann, austritt. Und sich in meinem persönlichen Fall sogar im Gegenzug einer atheistischen Organisation anschließen will. Das ist allerdings so eine Sache mit dem Kirchenaustritt, wie ich jetzt leider feststellen musste. Ich muss zugeben, dass ich mich vorher noch nie so wirklich darüber informiert habe, aber jetzt war die Zeit einfach mal gekommen. Also konsultierte ich mal ein bisschen das Internet und fand Überraschendes sowie höchst Ärgerliches: Wenn ich mich zu einem offiziellen Kirchenaustritt entschließe, muss ich zunächst erstmal den Gang zum Standesamt auf mich nehmen, dort eine amtliche Erklärung zum Austritt abgeben und zusätzlich noch eine Gebühr für den Austritt zahlen. In Schleswig-Holstein sind das 10 Euro – Gut, nicht viel, aber dafür? Bloß, weil ich austrete? – Fand ich nicht besonders nachvollziehbar … Klar, man könnte jetzt sagen: Ach, das wird doch wohl ne einfache Verwaltungsgebühr oder etwas ähnliches sein. – Ja, klingt logisch … „klingt“, wohlgemerkt … Denn ich habe bisher noch nichts von einer entsprechenden Gebühr bei einem Eintritt in die Kirche gehört. Da liegt doch wohl ein deutliches Ungleichgewicht vor, oder? Und dieses Ungleichgewicht wird noch größer, wenn man bedenkt, dass ein Wiedereintritt in eine Kirche auch ansonsten viel einfacher möglich ist, da es in allen größeren Kirchen „Wiedereintrittsstellen“ gibt und auch beispielweise keine erneute Taufe als Bekräftigung der religiösen Überzeugung nötig ist.

Ich stelle mir folgende Situation vor: Ein Obdachloser hat den Glauben verloren und möchte nun seine Abkehr von der Religion auch offiziell bekräftigen. Dies wird ihm nach der gängigen Praxis allerdings schwer gemacht. Mal davon abgesehen, dass sein Status als Obdachloser auf dem Standesamt zu Komplikationen bezüglich seines Wohnortes führen könnte, hat er vielleicht auch ganz einfach nicht das Geld für einen Austritt. Ich denke mal, er weiß andere Dinge, für die er sein rares Bares besser ausgeben könnte und die ihm für den Moment mehr helfen. So wird er es sich wohl zweimal überlegen, ob er wirklich aus der Kirche austritt. Das heißt nichts anderes, als dass seine mangelnde Finanzkraft ihn de facto an einem Austritt hindert – Nun frage ich: Ist das gerecht? Entspricht es einer wirklichen Glaubensfreiheit, wenn man kostenlos in eine Kirche eintreten kann, der Austritt einen allerdings die Existenz kosten kann? – Nein, das ist es nicht und diese Praxis hat in einem säkulären Staat wie dem unseren keine Daseinsberechtigung …

Die ungleiche Gleichberechtigung

2März2008

… Es folgen ein paar Gedanken von mir zur Emanzipation und Gleichberechtigung der Geschlechter … Ein Thema, dass ich neulich schonmal angerissen hatte, allerdings eigentlich in einem anderen Zusammenhang. Eins aber vorweg: ich bin definitiv kein Gegner der Emanzipation, im Gegenteil: die Emanzipation war und ist notwendig und gut. Ich hoffe, damit habe ich die erstmal ersten potentiellen Drohbriefe und Hasstiraden abgewendet …

Also, ich denke mal, dem Titel ist eindeutig meine Einschätzung der Gleichberechtigung bei uns zu entnehmen – Warum also ungleich? Sind nicht Frauen und Männer bei uns per Gesetz gleichberechtigt? – Doch, natürlich, das sind sie. Das kann man nicht leugnen und ich will es auch nicht. Nun jedoch das große „Aber“: Meiner Meinung nach hat der Kampf der Emanzipationsbewegung heute einige Folgen, die vielleicht gar nicht so beabsichtigt waren. Man ist, um es mal so zu sagen, ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen. Ich weiß, dass ich jetzt maßlos übertreibe und polemisiere, aber ich bin einfach mal so frei: Wir befinden uns genaugenommen auf bestem Wege zu einer von Frauen dominierten Gesellschaft, in der nicht mehr die Männer das „starke Geschlecht“ sind, sondern die Frauen. Nun, warum also?

Man braucht nur einmal einen Blick auf die Landesregierung Schleswig-Holsteins zu werfen, was gerade mich als Landeskind doch sehr betrübt macht … Ich erlaube mir mal aus den im Internet veröffentlichten Stellenangeboten der Landesbehörden zu zitieren:

„… Die Landesregierung ist bestrebt, ein Gleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Beschäftigten in der Landesverwaltung zu erreichen. Frauen werden bei gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung bevorzugt berücksichtigt …“

Soso, Frauen werden also bevorzugt eingestellt, damit das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Verwaltung ausgeglichen ist. Okay, vielleicht nicht gerade falsch. Ausgleich ist doch immer gut, oder? Dann gibts irgendwann gar keine Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern mehr – Eben. Und gerade deswegen halte ich diese Praxis bei der Einstellung doch für sehr fragwürdig. Ist es Gleichberechtigung, wenn Frauen bevorzugt und Männer damit benachteiligt werden? Vielleicht stimmt da ja was mit meiner Wahrnehmung nicht, aber für mich ist das definitiv nicht so.

Nun kann man sagen: Ach, so ein Einzelfall zeigt doch noch gar nichts – Stimmt, daher kommt jetzt mein nächstes Beispiel: Vielleicht beschäftigt sich der eine oder andere von Euch ja ab und zu mit den Programmen und Satzungen der deutschen Parteien. So gibt es zum Beispiel bei den Grünen eine Frauenquote, die besagt, dass mindestens 50% der Kandidaten auf den Wahllisten Frauen sein müssen. Ebenso wird das Rederecht bei Veranstaltungen der Grünen quotiert: Auch hier bekommen Frauen mindestens die Hälfte der Redezeit. Wohlgemerkt, hier handelt es sich um eine Frauenquote, nicht um eine Geschlechterquote, die Männer und Frauen berücksichtigt, und die etwa bei der SPD angewandt wird. Auch forderte die GAL, also die Grünen in Hamburg, jüngst im Bürgerschaftswahlkampf, die Hälfte der Sitze in den Vorständen von Unternehmen an Frauen zu vergeben. Ist das Gleichberechtigung? – Nein. Es wirkt einer wirklichen Gleichberechtigung entgegen. Wir werden erst dann wirkliche Gleichberechtigung haben, wenn wir keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau machen. So, wie die Grünen es mittlerweile praktizieren, löst einfach ein ungleiches Prinzip ein anderes ab …

Nun würde ich mal prophezeien, dass Ihr, wenn Ihr Euch mal umseht, noch viele weitere Beispiele finden werdet, die meine These, beziehungsweise ihren Kern, dass wir es mittlerweile mit einer Über-Emanzipation zu tun haben, die Männer diskriminiert, belegen. Angesichts der Tatsache, dass Überzeugungen, wie sie früher nur von Randgruppen propagiert wurden, mittlerweile Einzug in die Regierungen gefunden haben, halte ich zwar noch in der Form für nicht akut beängstigend, aber doch für bedenklich. Denn die Tendenz, die uns meilenweit weg von unserem eigentlichen Ziel einer wirklich gleichen Gesellschaft führt, ist doch nicht zu übersehen … Denkt mal drüber nach …

PS: Ach übrigens, habt Ihr schon das aktuelle Spiegel Special im Zeitungsladen gesehen? – Es trägt den vielsagenden Titel „Das starke Geschlecht – Was Frauen erfolgreich macht“. Hm, was hatte ich nochmal am Anfang diese Textes gesagt? Naja, wir wollen mal nichts überstürzen. Die Hoffnung stirbt zuletzt …