Archiv für die Kategorie ‘notizen’

Wir und Senf

3Februar2009

Wir und Senf haben mehr gemeinsam, als man zunächst denken könnte. Wir sind zwar nicht Senf, aber wir neigen dazu, ihn oft genug als Produkt unserer Gedanken zu irgendeiner Sache beitragen zu wollen. Wir kommen nicht umhin, ständig unseren Senf dazugeben zu müssen … Aber müssen wir das eigentlich?

Es gibt da einen Comedian der besseren Sorte namens Dieter Nuhr, der lange Zeit mit folgender Aussage populär war:“Wenn man keine Ahnung hat – Einfach mal die Fresse halten!“ … Eigentlich halte ich von diesem Spruch rein gar nichts. Ich finde, jeder sollte das Recht haben, zu egal welchem Thema etwas beizutragen, zumal es nur äußerst selten um „Ahnung“ also Wissen, sondern hauptsächlich einfach um Meinung also Subjektives, wo es kein richtig und falsch gibt, geht. Aber Nuhr hat trotzdem auch irgendwo recht, wenn er latent anprangert, dass fast alle Leute, egal ob es nun angebracht oder wichtig ist, chronisch zu allem irgendetwas noch so unüberlegtes sagen müssen. Irgendetwas in ihnen zwingt sie scheinbar dazu. Und vielleicht sollte man sich mal überlegen, ob es denn so sinnvoll ist, zu allem was zu sagen.

Wenn man eine Sache kritisiert, ehrt man sie nicht noch zusätzlich damit, dass man sie eines Wortes würdigt? Drückt eine Auseinandersetzung mit ihr nicht auch eher Respekt als Abneigung aus? Warum reden wir eigentlich, warum sprechen wir … Zur Kommunikation und weil wir etwas aussagen wollen, denke ich. Aber kann man nur etwas aussagen – das Wort im übertragenen nicht im direkten Sinne, meine ich – wenn man spricht. Sagt nicht ein Blick manchmal mehr als tausend Worte? Ist ein Schweigen nicht eine viel aussagekräftigere Aussage als eine Aussage in mündlicher Form? Ist nicht Reden Silber und Schweigen Gold? Und „Pecunia non olet“ – und Gold noch viel weniger …

Umfallen zur präventiven Schadensbegrenzung

7März2008

Andrea Ypsilanti stellt sich am 5. April nicht zur Wahl. Sie hat Angst, dass sie das gleiche Schicksal ereilen könnte wie „meine“ ehemalige Landesmutter Heide Simonis, der es am 17. März 2005 auch im vierten Wahlgang zur Wahl des Ministerpräsidenten, bzw. in dem Fall -Präsidentin, nicht gelang, eine Mehrheit von Stimmen auf sich zu vereinigen, weil ein bis heute nicht klar identifiziertes Mitglied der SPD-Fraktion ihr ein ums andere Mal die Unterstützung verweigerte.

Frau Ypsilantis Angst ist nicht unbegründet. Wer ein solches relatives Wagnis wie eine von der Linken tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung anstrebt, muss mit Kontrastimmen aus den eigenen Reihen rechnen. Nun hatte Andrea im Gegensatz zu Heide allerdings noch so viel Glück, dass sich wenigstens eine potentielle Abweichlerin schon vorher zu Wort gemeldet hat … Das heißt allerdings nicht, dass da nicht noch mehr hätte kommen können. Wer weiß, was am 5. April passiert wäre, wenn dem nicht so gewesen wäre. Spräche man dann vielleicht nicht mehr vom „Heide-Mörder“, sondern von „den Ypsilanti-Schlachtern“? – Kann schon sein. Jedenfalls kann man ihre Aktion glaube ich gut nachvollziehen – jedenfalls auf der menschlichen Seite …

Aber: Die ganze Sache hat mehr als nur menschlich-emotionale Fassetten. Politik ist eine Sache, in der deutlich mehr auf dem Spiel steht, als nur das mentale Wohlbefinden von Einzelpersonen. Klar, eine heftige Wahlschlappe hätte mehr bedeutet. Auch politisch hätte die Sache wahrscheinlich Folgen gehabt – zum Beispiel einen massiven Stimmungsabfall für die SPD, die ja sowieso schon mit einer inkonsequenten Parteilinie behaftet ist. Trotzdem: So, wie die Angelegenheit jetzt gelaufen ist, kann ich Frau Ypsilanti und der Hessen-SPD eigentlich nur Feigheit vorwerfen – „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Da ist was Wahres dran. Wie kann man schon im Voraus einer politische Konstellation das Potential zum Scheitern prophezeien? – Denn nichts anderes ist Frau Ypsilantis Entscheidung ja.

So hat sie in meinen Augen ihre Wahlversprechen am deutlichsten gebrochen. Wer resigniert und dem politischen Gegner kampflos das Feld überlässt, hat seine Ziele vollends über den Haufen geworfen und gezeigt, dass ihm an deren Verwirklichung nicht wirklich viel liegen kann. Frau Ypsilanti geht aus eigenen Stücken in die Opposition und da gehört sie meiner derzeitigen Meinung nach auch hin.

Was ist „konservativ“?

27Februar2008

Es kommt oft genug vor, dass ich mir Gedanken über Politik und politische Theorien mache. Dabei überlege ich auch häufig, inwieweit unser Schubladendenken und unsere vereinfachende Einordnung von politischen Positionen in plakativ betitelte Bereiche sinnvoll ist. Insbesondere finde ich den Gebrauch des Prädikats „konservativ“ unpräzise und teilweise sogar inflationär. Dazu möchte ich Euch ein kleines Zitat des US-amerikanischen Journalisten Ambrose Pierce (1842-1914) als Aufmacher geben.

„Radikalismus: der Konservativismus von morgen als Injektion in die Angelegenheiten von heute.“

Meiner persönlichen Interpretation nach sagt Pierce damit, dass Konservativismus zeitbezogen ist, man also nicht von „der“ generellen konservativen Einstellung sprechen kann. Nun finde ich allerdings, dass auch Pierce, obwohl er etwas zentrales und wichtiges sagt, zu kurz greift. Ich stimme Pierce zwar in dem Punkt mit der zeitbezogenen Komponente zwar voll und ganz zu, aber er scheint dennoch der Auffassung zu sein, dass man immerhin von „dem“ Konservativismus sprechen kann. Ich hingegen denke, dass Konservativismus ein dualer Begriff ist. Es gibt sowohl politischen Konservativismus als auch Werte-Konservativismus. Ersterer setzt sich für die Beibehaltung der aktuellen politischen Verhältnisse ein, letzterer propagiert traditionelle moralische Ansichten.

Dass zwischen beidem ein wirklicher Unterschied besteht, möchte ich an einem Beispiel deutlich machen. Ich persönlich halte zum Beispiel große Teile der Grünen, nämlich den emanzipatorischen Flügel, für politisch konservativ, da er die entsprechenden Ansichten in Zeiten, in denen wir eigentlich ein Frauen und Männer gleichberechtigendes Recht haben, vehement propagiert und verteidigt. Er setzt sich für die Sicherung der jetzigen Verhältnisse ein. Dennoch kann man den emanzipatorischen Flügel der Grünen nicht als wertkonservativ bezeichnen, da seine Überzeugungen noch mitnichten als traditionell anzusehen sind. Allerdings wird man sie vielleicht wiederum in 50 Jahren traditionell nennen, wenn die jetzige gleichberechtigende Auffassung von Mann und Frau fest in das Bewusstsein der Gesellschaft eingegangen ist, sich die Bedeutung von „traditionell“ in diesem Bereich also geändert hat.

Nun wäre ich sehr gespannt, ob Ihr das genauso seht wie ich oder eben anders …